Neue Spielregeln – Disruptive Entwicklung

Erschienen am: 20. April 2016

Disruption, Unternehmen, disruptive Ideen

Für erfolgreiche disruptive Ideen braucht ein Unternehmen finanzielle und kulturelle Stärke. (Quelle: © freshidea / fotolia.com)

Thomas Ring versteht den Aufbau von Unternehmen. Als Berater für Top-Führungskräfte weiß er, wie man sich als Unternehmen in Zeiten der Disruption verhält. Immer neue Technologien, die in neuen, meist firmenfremden, Feldern angewandt werden, erscheinen in der Wirtschaft. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, neue Ideen und Ansätze nicht zu verschlafen und die Konkurrenz im Auge zu behalten.

Im Interview zeigt Thomas Ring, wie man den Begriff der „Disruption” zu verstehen hat, wie man sich vor disruptiven Ideen aus externen Reihen schützt und wie man die interne Disruption fördert.

„Neue Spielregeln – Disruptive Entwicklung” – Thomas Ring im Interview

Der Begriff der „Disruption“ wurde 2015 so oft verwendet wie nie zuvor. Wieso haben es sich Firmen zur Aufgabe gemacht, sich in die Geschäfte anderer Unternehmen einzumischen?

Es geht nicht um die Einmischung in die Geschäfte anderer Unternehmen, sondern um die innovative Nutzung neuer, manchmal auch bereits vorhandener Technologien in neuen Feldern. Das Musikformat mp3 zum Beispiel war weder neu noch besonders erfolgreich. Erst Apple kam auf die Idee mit einem abgewandelten Format und der Plattform iTunes einen der größten Absatzmärkte für Musik zu entwickeln. Das gleiche Phänomen beobachten wir aktuell in der Industrie 4.0. Digitale Vernetzung ist an sich nichts Neues – im Produktionsumfeld aber schon.

Wir werden zukünftig auch in anderen Feldern disruptive Angriffe von eigentlich branchenfremden Unternehmen sehen: Im gesamten TV-Markt sowohl bei Hardware als auch bei Software und Inhalten, im Bereich Mobilität, in der Gebäudeautomatisierung oder im Gesundheitswesen – um nur einige zu nennen.

Große Unternehmen bieten disruptive Innovationen, die bekanntesten Entwicklungen sind derzeit im Automobilmarkt von Apple und Google zu beobachten. Wenn man auf kleine Firmen schaut, kann man beobachten, dass disruptives Denken hier eher aus externen Reihen kommt, anstatt aus den eigenen internen. Woran liegt das?

Disruption erfordert eine gewisse Kraft zum innovativen Querdenken sowie die entsprechenden Mittel, um Technologien in bisher fremde Umfelder zu transferieren. Finanzstarke Unternehmen sind daher im Vorteil und kaufen immer öfter kleine Startups oder Forschungsinstitute auf, die technologisch bereits einen Schritt voraus sind, aber nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um die Technologie auf den Markt zu bringen.

Roboter, zum Beispiel, bieten ein potenziell großes disruptives Anwendungsfeld. Aktuell sind hier eher kleiner Spieler, wie Boston Robotics, die Vorreiter. Doch warum sollte ein Roboter nicht bald ein Haushaltsgerät sein? Oder eine Pflegekraft oder im schlimmsten Fall gar ein Soldat?

Unternehmen, die sich mit disruptiven Ideen fest etabliert haben, wie zum Beispiel Apple mit Smartphones, Computern und Musikstreaming, dürfen weitere Disruptionen nicht verschlafen. Sonst ist der „In“-Effekt einer Marke schnell verloren und sie werden von anderen Playern im eigenen Feld ausgespielt.

Auf was sollten Unternehmer bei neuen Projekten achten, damit intern keine Angst vor disruptivem Denken herrscht?

Wichtig ist die entsprechende Kultur im Unternehmen: Vertrauen in das Potenzial der eigenen Leute und das Fördern von Querdenkern. Niemand hätte damit gerechnet, dass die eher traditionelle schwäbische Firma Festo ihre Ventilsteuerungen für Industrieanlagen nutzt, um biomechanische Modelle von Fischen und Vögeln zu konstruieren, um daran wiederum für das Thema Industrie 4.0 zu lernen. Bewegungsabläufe wurden beobachtet, damit die Vernetzung von Steuerungs-Vorgänge verbessert wird. Es braucht Mut, Vertrauen und Ausdauer. Ausdauer, weil man beobachten muss, wie sich die Märkte entwickeln – zum Beispiel der Einsatz von Carbon im Automobilbau. Ich muss über den Tellerrand hinausschauen und dementsprechend handeln. Falls die eigene Kraft und die Mittel nicht ausreichen, müssen Partner gefunden werden, die mich in meinem Vorhaben unterstützen.

Sie sprechen von einem „Potenzial für Disruption“. Wie können Firmen dieses Potential entwickeln und letztendlich effektiv anwenden?

Thomas Ring, mmc, mmc AG

Thomas Ring (Quelle: ©
mmc AG)

Das Potenzial für Disruption liegt in der Schaffung neuer Märkte, also Produkte von denen niemand dachte, dass man sie braucht. Auch die grundsätzliche Veränderung existierender Märkte, wie es Tesla in der Automobilindustrie gerade anhand eines 32.000 Euro teuren Elektroautos für die breite Masse zeigt, schafft das nötige Potenzial. Ständiges Screening von innovativen Anwendungen in bestehenden Märkten hilft bei der Sichtung von Chancen, denn selbst als Marktführer darf man sich nie auf die Stabilität der eigenen Märkte verlassen. Von Nokia hätte niemand gedacht, dass es sich jemals auf dem Handymarkt zurückzieht. Die eröffneten Chancen müssen innovativ und konsequent verfolgt werden. Wie auch in anderen Bereichen, ist hier das Vertrauen in das Projektmanagement wichtig.

Letztlich müssen die Produkte einen Mehrwert für den Kunden bieten. Ein gutes Beispiel sind aktuell neue Anbieter im HiFi-Markt, wie zum Beispiel Sonos oder Raumfeld, die relativ kostengünstige und einfach zu bedienende Streaming-Lösungen bieten, und damit den angestammten sehr hochpreisigen Herstellern das Leben schwermachen.

Wie können sich Unternehmen vor einer möglichen Disruption schützen?

Gar nicht. Attraktive Disruptionen mit hohem Marktpotenzial werden sich immer durchsetzen. Da hilft nur vorne dabei zu sein und die Entwicklung anzuführen. Auch die Nutzung der Fehler anderer um als Fast-Follower das bessere Produkt anzubieten beziehungsweise die direkte Übernahme des Disruptors, schützen vor einer möglichen Disruption. Zusammenfassend gilt: Die Kraft für Disruption muss vorhanden sein, kulturell sowie finanziell.

Jedes Unternehmen hat also die Chance disruptive Ideen zu finden und umzusetzen. Durch Vertrauen in die Mitarbeiter und Mut, neue Bereiche zu erforschen, steht einer erfolgreichen Disruption nichts mehr im Weg.

Das Interview mit Thomas Ring führte Oliver Foitzik, Partner bei mmc und Redaktionsleiter des mmc Magazins.

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