Deutsche und Franzosen: Illusion der Nähe

Erschienen am: 9. Mai 2014

Prof. Joachim Bitterlich

Bild: © Prof. Joachim Bitterlich

Prof. Joachim Bitterlich – Professor an der ESCP Europe Paris, Botschafter a.D. (NATO, Spanien) und europa-, außen- und sicherheitspolitischer Berater von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl – sprach im Interview über Vertrauensmanagement in der Politik und das besondere Verhältnis zwischen Franzosen und Deutschen. Dieses Gespräch wurde im Vorfeld des Trust-Events, welches am Donnerstag, 15. Mai 2014, von 18:00 Uhr bis 21:30 Uhr, unter dem Titel „Vertrauenskulturen in Frankreich und Deutschland: Was bewirken sie heute und morgen?“ in Frankfurt am Main stattfindet, durchgeführt.

Interviewreihe zum Trust-Event zu Franzosen und deren Beziehung zu Deutschland

Mit Prof. Joachim Bitterlich führten wir das fünfte Interview der Reihe. Die bisherigen vier Interviews waren:

Dr. Lutz Raettig: Ohne Vertrauen ist alles nichts“ mit Dr. Lutz Raettig, Aufsichtsratsvorsitzender der Morgan Stanley Bank AG in Frankfurt und Sprecher des Präsidiums von Frankfurt Main Finance

Transparenz, Kommunikation und Berechenbarkeit“ von Prof. Dr. Rainer Klump, Professor für Volkswirtschaftslehre und Vizepräsident an der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie Präsident des deutsch-französischen Vereins „Freunde und Förderer der Maison Heinrich Heine“

Vertrauen: Gespräche und Gemeinschaftsgeist“ von Prof. Dr. Nonnenmacher, Herausgeber der F.A.Z.

Vertrauen lässt sich nicht dekretieren, es muss vorgelebt werden“ von Prof. Dr. Tom Sommerlatte, Vorstandsvorsitzender des Trust Management Instituts

Ein weiteres Interview folgt in den kommenden Tagen.

Interview mit Prof. Joachim Bitterlich

Schönen guten Tag Herr Prof. Bitterlich, bitte stellen Sie sich kurz vor.

Mein Name ich Joachim Bitterlich, Jg. 1948, gebürtig aus dem Saarland, bin Botschafter a.D. und Professor an der ESCP Europe Paris.

Ich war lange Jahre in der Diplomatie und Politik tätig, unter anderem im Büro des Bundesminister Genscher, dann europapolitischer Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl, anschließend auch für Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik zuständig und Botschafter bei der NATO und in Madrid.

Nach meiner politischen Karriere bin ich in die Wirtschaft gewechselt, war Executive VP Veolia Environnement Paris und später zudem Chairman für Deutschland. Ich bin aktuell Senior Advisor für besondere Aufgaben in international tätigen Unternehmen und habe Verwaltungsrats- und Aufsichtsratsmandate in Frankreich, Deutschland und anderen Ländern. Zudem bin ich bis heute Mitglied in deutschen, europäischen und internationalen Institutionen und mache regelmäßige Veröffentlichungen zur europäischen und internationalen Politik.

Sie waren mehr als elf Jahre einer der engsten Mitarbeiter von Bundeskanzler Helmut Kohl und waren hier unter anderem stark in außenpolitische Fragestellungen involviert. Wie schwer ist es, in der Politik zu internationalen Partnern enge und vertrauensvolle Beziehungen auszubauen?

Menschen, Personen, Gespräch, Treffen

Bild: © Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Um eine Politik in die Tat umsetzen zu können, brauche ich Partner. Ein Partner ist eher bereit, mir zu folgen oder einen oft notwendigen Kompromiss einzugehen, wenn er Vertrauen in mich hat. Wenn er weiß, dass ich ihn nicht übervorteile, sondern ihn fair behandle, kann diese Grundlage gelegt werden. Dies ist auch möglich, wenn er wahrnimmt, dass ich bereit bin, auf seine Probleme einzugehen, und ihm helfen oder unterstützen werde, wenn er mich braucht.

Um dies zu erreichen, muss ich versuchen, sein Vertrauen zu gewinnen. Das ist nicht von heute auf morgen möglich, sondern setzt ein stetiges Verhalten voraus, dass dann positiv in Vertrauen „umschlagen“ kann. Wesentliche Elemente sind in einem solchen Prozess Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, Bereitschaft sein politisches und persönliches Umfeld zu verstehen und zu respektieren sowie ihm zur Seite zu stehen, wenn er in Schwierigkeiten steckt.

So ein Prozess rund um den Aufbau von Vertrauen setzt naturgemäß ein gewisses Maß von sich überlappenden Interessen voraus. Und es bedarf vor allem die Empfänglichkeit der anderen Seite.

Als deutscher Botschafter bei der NATO und in Spanien haben Sie es mit sehr vielen Menschen unterschiedlicher Nationalität zu tun gehabt. Welchen besonderen Erfahrungen haben Sie gemacht, in welchen Sie das Vertrauen des Gegenübers gewonnen haben?

Auf beiden Posten konnte ich einerseits auf eine gewisse Reputation aus der Vergangenheit bauen. Andererseits kannte ich seit Jahren einen Teil der wesentlichen Akteure vor Ort beziehungsweise in deren Zentralen.

Besonders hilfreich war dies auch in Spanien, wo ich seit meinem ersten Aufenthalt, dann über die schwierigen Beitrittsverhandlungen und schließlich an der Seite von Helmut Kohl, alle wichtigen Persönlichkeiten der politischen Lager und Administrationen sehr gut kannte und an diese Vertrauensbeziehung anknüpfen konnte. Ich konnte daher das Amt ganz anders ausfüllen, als dies ein Kollege ohne eben diese Vorgeschichte hätte erreichen können.

Sie sind nach Ihrer politischen Karriere in die Wirtschaft zu einem französischen Konzern gewechselt. Dadurch kennen Sie die deutsche und die französische Kultur sehr gut. Wie gehen aus Ihrer Sicht Deutsche und Franzosen bei der Vertrauensbildung um? Welche Unterschiede sind Ihnen dabei aufgefallen?

„Illusion der Nähe“ wäre das richtige Schlagwort. Man muss vorweg begreifen, dass diese beiden Länder auf der einen Seite die engsten Partner sind. Auf der anderen Seite sind sie in ihrer Tradition, Kultur und Denkweise sowie in ihren politischen, wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Strukturen grundlegend anders „gestrickt“.

Und dies zeigt sich auch in Bezug auf die Vertrauensbildung. Dass ein Deutscher mit einer Französin verheiratet ist, mag hilfreich sein. Wenn er Absolvent einer typisch französischen Eliteausbildung ist, ist das schon ein Pfund, das Türen und Köpfe öffnet. Nur ausreichend ist es noch immer nicht ganz. Die Aufnahme in bestehende „Inner Circles“ ist dann schon ein sehr wichtiger Schritt, und doch ist noch etwas Luft nach oben. Ein französischer Freund nennt mich oft den „Französischsten aller Deutschen“. Für ihn heißt das, er vertraut mir. Und doch macht er im Hinterkopf gewisse Abstriche oder besser gesagt Unterschiede. Er akzeptiert gleichzeitig damit, dass dieser Deutsche, also ich, Gesichtspunkte mit einbringt, auf die er so nicht spontan kommt. Und er bereit ist, diese in seine Gedanken aufzunehmen.

Man könnte und müsste diese Aspekte je nach Arbeitsfeldern weiter vertiefen und „entschlüsseln“.

Herr Bitterlich, Sie waren bis Ende 2012 Executive Vice President International Affairs bei dem französischen Konzern Veolia Environnement in Paris und haben von dort aus die Deutschlandgeschäfte geleitet. Wie haben Sie es geschafft, das Deutsche und Franzosen vertrauensvoll zusammenarbeiten?

Immer wieder erklären, „übersetzen“, entschlüsseln, wesentliches füreinander verständlich machen, natürliche Differenzen reduzieren und vor allem Gemeinsamkeiten und gemeinsame Ziele herausarbeiten. Das ist im Grunde die tägliche Agenda des „Brückenbauers“! Und bei Neuankömmlingen geht es darum, den Reflex der „Neugierde“ für den anderen, seine Unternehmenskultur und seine sozialen Strukturen zu wecken!

Wie wichtig und welche Wirkung hat aus Ihrer Sicht eine gut funktionierende Vertrauenskultur in Unternehmen?

Sie ist, ganz einfach gesagt, eine der, wenn nicht sogar die entscheidende Grundlage des Unternehmenserfolges und seiner langfristigen Perspektiven!

Was sind Ihre Beweggründe, dass Sie als Keynote-Speaker am Trust Event in 15. Mai 2014 mit dabei sind?

Es war ein spontanes „JA“. Das Thema steht für den Schlüssel der Qualität einer Zusammenarbeit, ob in der Politik, in der Wirtschaft oder im privaten Bereich.

Herr Prof. Bitterlich, vielen Dank für das sehr interessante Gespräch, für „etwas“ Einblick in die „große“ Politik und das (Vertrauens-)Verhältnis zwischen Franzosen und Deutschen.

Das Interview führte Oliver Foitzik, Herausgeber des Wirtschafts- und Mittelstandsmagazins AGITANO und Redaktionsleiter mmc Magazin.

 

Trust-Event zum Thema Vertrauen in FFM

Unter dem Titel Vertrauenskulturen in Frankreich und Deutschland: Was bewirken sie heute und morgen?“ diskutieren Experten und Praktiker auf dem Trust-Event in Frankfurt, der am Donnerstag, 15. Mai 2014, von 18:00 Uhr – 21:30 Uhr, stattfindet, über Vertrauen und dessen Management.

Diese Veranstaltung wird das Thema „Vertrauensbildung“ näher beleuchten und aufzeigen, wie Vertrauen zwischen Organisationen und Mitarbeitern entsteht. Dabei wird eine große Rolle spielen, wie Franzosen und Deutsche mit der Vertrauensbildung umgehen und wie dies die Zusammenarbeit von französischen und deutschen Unternehmen und Institutionen beeinflusst.

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